Wie lässt sich zeigen, was Armut mit der Psyche macht?

Kitt – Eine Bildungsinitiative über soziale Benachteiligung, die Einzelne und die Gesellschaft befähigt, sie zu bekämpfen

Auftraggeber:in
Projekteinreichung bei creative.projects, nicht realisiert

Leistungen

Recherche
Erstkonzeption
Creative Direction
Kampagne
Webdesign
Präsentationsdesign & Infografiken
Team
Sarah Laprell, Erstkonzeption & Creative Direction
Rosa Viktoria Ahlers, Illustration
Michelle Weber, Art Direction
Christina Scheib, Art Direction
Nadja Hogl, Co-Strategie & Präsentation
Linda Moers, Co-Naming & Satz Projektbeschreibung
Familie Tittlus, Weber, Eberhardt & Junker, Support Erfahrungswissen ♥️

Teile der Konzeptstruktur wurden mit KI-gestützter Analyse unterstützt, um Ideen zu systematisieren.

Montagmorgens werden die neuen Aldi-Sandalen auf dem Schulhof ausgelacht. Die Wohnung des Bekannten mit Plüschdecke, Orchideen aus Plastik und viel Deko wird abschätzig als geschmacklos belächelt. Beim Elternabend erntet eine Mutter Stirnrunzeln, weil ihre Wortwahl als ungebildet empfunden wird. Der pinke Jogginganzug und grelle Lidschatten im Supermarkt werden später mit einem spöttischen asi kommentiert. Und in der Mittagspause wird über das mitgebrachte Essen des neuen Kollegen getratscht. Was wie beiläufige Bemerkungen erscheint, ist Ausdruck von Alltagsklassismus. Er begegnet uns oft unausgesprochen in Blicken, Witzen oder Annahmen und prägt, wie wir andere wahrnehmen, beurteilen und behandeln. Und er wirkt tief – auf individueller wie struktureller Ebene.

Klassismus bezeichnet die Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft oder Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Schicht. Betroffen sind vor allem einkommensarme, erwerbslose oder wohnungslose Menschen – oft verbunden mit Abwertung, Ausgrenzung und struktureller Benachteiligung. Menschen erleben wiederkehrende Hürden – in Bildungszugängen, Karrierechancen, politischer Teilhabe, Lebenserwartung und sozialer Anerkennung. Gleichzeitig fehlt es häufig an Sprache und Bewusstsein für diese Mechanismen. Trotz seiner weitreichenden sozialen und psychologischen Folgen wird Klassismus in gesellschaftlichen Debatten bislang kaum mitgedacht. 

Wie also können wir Klassismus sichtbar machen? Wie lassen sich Erfahrungen von Armutsbetroffenen in den öffentlichen Diskurs holen – ihr Mental Load, ihre Lebensrealität, ihre Herausforderungen? Und wie gelingt ein Raum für Dialog, in dem Verständnis, Reflexion und Empathie wachsen können?

Projekt
Kitt ist eine Bildungsinitiative, die soziale Benachteiligung sichtbar macht und einen Dialog über Herkunft, Privilegien und strukturelle Ungleichheit anstoßen will. Sie verknüpft zwei zentrale Bausteine: OoH-Kampagnen im öffentlichen Raum machen Klassismus durch alltagsnahe Motive und persönliche Aussagen sichtbar. Drei unterschiedliche Reihen regen zur Auseinandersetzung an und schaffen Identifikationsmöglichkeiten. Eine barrierefreies Informationsportal in Form einer Website bietet verständlich aufbereitete Inhalte zu Klassismus, psychologischem Erleben und strukturellen Dynamiken. Neben Fakten finden sich Erfahrungsberichte, Reflexionsfragen und Infografiken. Langfristig zielt die Initiative darauf ab, soziale Barrieren abzubauen, Scham zu reduzieren und eine Gesellschaft mitzugestalten, in der Herkunft nicht über Zukunft entscheidet.

Biografische Auseinandersetzung Das Thema Klassismus begleitet mich schon lange – zunächst unbewusst, später mit wachsendem Interesse. Aufgewachsen als Kind einer ostdeutschen Einwanderungsfamilie mit begrenzten finanziellen Mitteln, habe ich früh soziale Unterschiede erlebt. Im Laufe von Schule, Studium und Berufsleben kam ich in andere soziale Kontexte mit neuen Erwartungen, anderen Selbstverständlichkeiten, auch neuen Unsicherheiten. Rückblickend erkenne ich auch eigene klassistische Prägungen, etwa in Momenten wie einer Bad-Taste-Party während der Schulzeit. Damals war es üblich, sich in Kleidung zu werfen, die vermeintlich geschmacklos war – oft in Anlehnung an stereotype Vorstellungen bestimmter sozialer Milieus. Erst viel später wurde mir bewusst, wie solche Darstellungen Abwertung reproduzieren und über Ästhetik soziale Distanz hergestellt wird. Die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Herkunft, meinen Erfahrungen und blinden Flecken, aber auch mit strukturellen Ungleichheiten im Bildungssystem und Berufsalltag, war ein wichtiger Ausgangspunkt für das Projekt.

Von drüben Darüber hinaus habe ich die Einwanderungsgeschichte meiner Familie aus der ehemaligen DDR reflektiert und damit einhergehend: Ungleichheiten zwischen Ost und West, Hürden in Biografien, nicht anerkannte Berufe nach der Wende, Identitätsschwierigkeiten. Der folgende Liedtext umriss meine Wahrnehmung darauf passend. Es war im Sommer ’89, eine Flucht im Morgengrauen // Es war im Sommer ′89, und er schnitt Löcher in den Zaun // Sie kamen für Kiwis und Bananen // Für Grundgesetz und freie Wahlen // Für Immobilien ohne Wert // Sie kamen für Udo Lindenberg // Für den VW mit sieben Sitzen // Für die schlechten Ossi-Witze // Sie kamen für Reisen um die Welt // Für Hartz IV und Begrüßungsgeld // Sie kamen für Besser-Wessi-Sprüche // Für die neue Einbauküche // Und genau für diesen Traum // Schnitt er Löcher in den Zaun. Aus: Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) von Kettcar

Exkurs Einkommensschichten Anhand einer Tabelle der Bertelsmannstiftung lassen sich die Einkommensschichten je nach Nettoeinkommen bestimmen. Im Zuge des Projektes habe ich meine eigene soziale Herkunft und Lage wie folgt bestimmt: soziale Herkunft aus der unteren Einkommensschicht, soziale Lage in der Kernfamilie aus der oberen Mittelschicht und die soziale Lage als Single aus der unteren Mittelschicht. Mir das zu vergegenwärtigen, erklärte viele innere und äußere Konflikte in meiner Biografie. Einige dieser Hürden lassen sich in dem Buch BildungsaufsteigerInnen aus benachteiligten Milieus. Habitustransformation und soziale Mobilität bei Einheimischen und Türkeistämmigen von Aladin El-Mafaalani nachvollziehen.

Recherche und Ideenfindung Während der Recherche entdeckte ich: Auch im Designbetrieb wirken soziale Ungleichheiten. Sichtbar etwa in der Frage, wer sich unbezahlte Praktika, Exkursionen oder Auslandsaufenthalte leisten kann. Auch Bewerbungen für Designpreise, hochwertiges Equipment oder Weiterbildungen setzen finanzielle Mittel voraus – Voraussetzungen, die nicht allen zur Verfügung stehen, aber häufig über Karrieren entscheiden. Wie stark Designbiografien durch ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital geprägt sind, wurde besonders im Rückblick auf den eigenen Werdegang deutlich. Dabei rückten Fragen in den Fokus: Wer kann sich welche gestalterischen Freiheiten leisten? Wie stark prägt finanzielle Sicherheit Portfolio, Auftreten, berufliche Chancen? Darüber hinaus zeigte die Recherche, dass auch ästhetische Urteile nicht neutral, sondern oft Ausdruck eines klassenspezifischen Habitus sind – ein Gedanke, den Pierre Bourdieu als kulturelles Kapital beschreibt. Die ästhetischen Codes, die wir erlernen, rühren teils schon aus dem Elternhaus, etwa in der Art Kunst oder Wohnungseinrichtung, die wie bevorzugen.

OoH-Kampagnen Die Plakate holen Klassismus mitten in den öffentlichen Raum. Mit drei Motivreihen, die unterschiedliche Perspektiven zeigen, regen die Plakate zum Dialog an: durch persönliche Erfahrungen, alltagsnahe Szenen und klare Botschaften. Sie machen Kitt sichtbar, schaffen Identifikation und stoßen den gesellschaftlichen Diskurs an.

Subjektive Einblicke in das Erleben von Armut Das Plakat versammelt persönliche Antworten auf Fragen wie Wie fühlt sich Armut an?, Wovor hast du Angst? oder Welchen Mental Load trägst du?. Die Aussagen basieren auf subjektiven Eindrücken und spiegeln eine Perspektive relativer Armut wider. Bei einer Realisation im öffentlichen Raum wäre es wichtig, diese Stimmen um weitere Sichtweisen zu ergänzen – um die Vielfalt der Erfahrungen mit Armut abzubilden und nicht zu verallgemeinern. Relative Armut bedeutet, im Vergleich zur gesellschaftlichen Mitte über deutlich weniger finanzielle, soziale oder kulturelle Ressourcen zu verfügen – etwa so, dass gesellschaftliche Teilhabe eingeschränkt ist. Absolute Armut beschreibt hingegen existenzielle Notlagen, in denen grundlegende Bedürfnisse wie Nahrung, Wohnung oder medizinische Versorgung nicht mehr gesichert sind. Das Plakat versteht sich als ein erster, sichtbarer Schritt: Es macht innere Zustände und Belastungen sichtbar.

Die Kitt-Website Ein barrierefreies Informationsportal, das über die Diskriminierungsform Klassismus aufklärt – verständlich, kostenfrei und ohne akademischen Jargon. Die Inhalte würden bei Realisation interdisziplinär durch Psycholog:innen, Soziolog:innen und weitere Expert:innen erarbeitet, um Betroffene mit psychoedukativen Informationen zu unterstützen. Neben wissensvermittelnden Inhalten schafft die Website Raum für einen offenen Diskurs über Geld, Einkommen und soziale Schichten. Persönliche Erfahrungen können anonym geteilt und archiviert werden, um Perspektiven sichtbar zu machen, die im öffentlichen Diskurs oft fehlen.

Startseite Die Startseite bietet einen niedrigschwelligen Einstieg in das Thema Klassismus. Sie verbindet persönliche Zugänge mit faktenbasierten Einblicken und lädt dazu ein, die eigene soziale Herkunft, Privilegien und mögliche Benachteiligungen zu reflektieren. Ein interaktiver Fragenblock macht zentrale Mechanismen sozialer Ungleichheit verständlich. Ergänzt wird dieser durch Erfahrungsberichte von Betroffenen, die anonym über Herausforderungen, Unsichtbarkeit und Scham im Alltag sprechen. Infografiken vermitteln komplexe Zusammenhänge rund um Klassismus, Einkommensverteilung und Aufstiegschancen. Ein weiterer Bereich stellt konkrete Handlungsoptionen, Initiativen und Anlaufstellen vor.

Unterseite „Klassismus verstehen“ Wie wirkt sich Klassismus auf unser Leben aus? Diese Unterseite beleuchtet, wie soziale Herkunft unser Selbstbild, Denken und Wohlbefinden beeinflusst – oft von klein auf und über verschiedene Lebensphasen hinweg. Anhand von Altersstufen wie Kindheit, Schulzeit oder Rentenalter wird gezeigt, welche Herausforderungen Armut jeweils mit sich bringt und welche langfristigen Folgen soziale Benachteiligung haben kann. Auch emotionale Aspekte wie Scham, Wut oder Existenz- oder Abstiegsangst werden aufgegriffen. Sie helfen dabei, Gefühle einzuordnen und Sprachlosigkeit zu überwinden. Ergänzend zeigt der Bereich, wie sich soziale Ungleichheit auf Psyche, Beziehungen, Gesundheit oder Stress auswirken kann.

Illustrationen
Die Illustrationen von Rosa Viktoria Ahlers übersetzen das Thema Klassismus in eine bildhafte Sprache: Eine diverse Gruppe von Menschen begegnet sich auf einer Ebene, offen, zugewandt und im Dialog. Ohne Barrieren und Hierarchien, dafür mit Symbolen für Zusammenhalt, Reflexion und gesellschaftlichen Wandel.

Wer Kitt mitgestalten könnte Für die Realisierung von Kitt ist ein interdisziplinäres, divers aufgestelltes Team entscheidend. Besonders wichtig ist dabei die Beteiligung von Personen mit Armutserfahrungen oder klassismusbedingter Ausgrenzung. Ihre Perspektiven bilden das Fundament des Projekts. Eine beispielhafte Zusammenarbeit wäre denkbar mit Autor:innen wie Celsy Dehnert, Mareice Kaiser, Daniela Dröscher oder Christian Baron, die in ihren Arbeiten eindrücklich über soziale Herkunft, Scham und Aufstieg schreiben. Für eine fundierte Begleitung bei Formulierungen und Sprache könnte etwa Mareice Kaiser ein Sensitivity Reading übernehmen. Darüber hinaus könnten Fachpersonen aus Pädagogik, Philosophie, Soziologie, Politik, Psychologie, Sozialer Arbeit und Verwaltung eingebunden werden – etwa Carolin Emcke mit ihrer Reflexion über gesellschaftliche Machtverhältnisse, Aladin El-Mafaalani mit seinen Analysen sozialer Mobilität oder Francis Seeck im Bereich Klassismuskritik und Bildungsgerechtigkeit. Für die Repräsentation nach außen könnten bekannte Arbeiterkinder wie Jürgen Vogel, Inga Rumpf, Udo Lindenberg, Felix Lobrecht, Jürgen Domian, Andrea Ypsilanti, Stefan Raab und Klaas Heufer-Umlauf das Projekt unterstützen.

Impulse für eine klassensensible Gesellschaft Im Backlog geplant ist u. a. eine barrierefreie Ausstellung im öffentlichen Raum mit partizipativen Elementen rund um Geld, Status und Herkunft. Ein Symposium mit Panels, Workshops und Live-Formaten wie dem Podcast Neue Maloche (u. a. mit Mareice Kaiser) könnte Stimmen aus verschiedenen sozialen Milieus hörbar machen – kostenlos und zugänglich. Jährliche stattfindende Kampagnen mit bekannten Arbeiterkindern könnten als Identifikationsfiguren dienen und Klassismus in die Öffentlichkeit tragen. Weitere Impulse: ein Social-Media-Kanal mit Wissen, Zitaten, Tipps und Interviews, Sensibilisierungstrainings für Kitas, Schulen, Lehrkräfte, klassensensible Designlehre zu Ästhetik und Herkunft, eine bundesweite Aktionswoche mit klassenübergreifenden Begegnungen und ein Episodenfilm, z. B. realisiert von Karoline Herfurth.

Spread the word Ich freue mich jederzeit über Feedback, Kritik oder Austausch. Auch wenn Du dir eine Zusammenarbeit vorstellen kannst oder Kontakte zu interessierten Organisationen, Institutionen oder Förderprogrammen hast, schreib mir gerne eine Nachricht. Herzlichen Dank!

Dazugelernt

Bereits von klein auf geprägt: Wenn Kinder größer werden, sind gemeinsame Mahlzeiten, das Zubettgehen oder die Zeit für Hausaufgaben in höher gebildeten Familien stärker geregelt und kontrolliert. Das fördert den Erfolg in der Schule. In diesen Haushalten wird in der Regel auch mehr über Bücher, anspruchsvolle Filme, Theater, Kunst und klassische Musik, aber auch über Wissenschaft und Politik gesprochen, sodass Kinder ganz selbstverständlich mit diesem Wissen aufwachsen. Ähnliche Unterschiede finden sich im Freizeitverhalten von Familien: Höher gebildete Eltern gehen mit ihren Kindern häufiger ins Theater, in Lesungen, in Konzerte oder in die Oper. Darüber erlernen Kinder Wissen, das in der Schule nützlich ist und in unserer Gesellschaft als hohe Allgemeinbildung anerkannt wird. aus https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/soziale-ungleichheit-354/520843/soziale-herkunft-und-bildung/

Das, was keiner sieht

Work in Progress: Ursprünglich trug das Projekt den Arbeitstitel Jante. Der Name bezieht sich auf den dänisch-norwegischen Schriftsteller Aksel Sandemose, der 1933 im Roman Ein Flüchtling kreuzt seine Spur das sogenannte Janteloven prägte – ein fiktives Gesetz aus einer Kleinstadt namens Jante. Es besteht aus zehn Regeln, die alle auf einen zentralen Gedanken hinauslaufen: Niemand soll glauben, besser, klüger oder wertvoller zu sein als andere. Dieses ungeschriebene Gesetz steht für ein Ideal von Gleichheit, Bescheidenheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Auch wenn der Projekttitel später zu Kitt wurde, blieb der Gedanke hinter Jante als Impuls erhalten. Und: das oben gezeigte Wohnhaus war früher Auslöser für Scham und wurde einmal geleugnet. Es mit gefühlt gewachsener Würde formatfüllend in die Präsentation zu packen, sorgte bei Versand um Mitternacht für Tränen.